PHASEFÜNF

Aus der Vergangenheit lernen – Aus der Zukunft lernen 18. Januar 2018

Die Entdeckung der Emergenz als Gestaltungsmerkmal in sozialen Gruppen

Zusammenfassung

Das Motto unseres diesjährigen Kongresses in Wien können wir als Begegnung der Denkwelten zweier Genies verstehen, die sich nicht direkt begegnet sind. Beide sind als Euhemeri (Berne, 1979, S.150 ff.) anzusehen, Sigmund Freud für die Psychotherapie insgesamt und Eric Berne für die Transaktionsanalyse. Getroffen haben sie sich in ihren Leben wohl nicht. Doch immerhin hat Berne über die Vermittlung durch Paul Federn das Wissen Freuds in sich aufgenommen und verarbeitet. Ihre Denkwelten begegnen sich daher auch in uns, die wir ihre Schriften lesen und uns mit Transaktionsanalyse beschäftigen.

Das Kongressmotto können wir als eine Einladung annehmen, uns mit der Geschichte der Psychoanalyse und der Transaktionsanalyse zu beschäftigen, also einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Wir können es jedoch auch als eine Aufforderung nehmen, es diesen Euhemeri gleichzutun, insoweit es unsere Kräfte vermögen, und neue Wege zu erschließen, so wie sie selbst es zu ihrer Zeit getan haben. Offensichtlich haben sie sowohl die Erfahrungen aus dem verfügbaren Wissen genutzt, wie auch selbst forschend den Blick in die Welt gewagt.

Wir Transaktionsanalytiker stellen mit unseren Berufsverbänden eine soziale Gruppe dar, wie Berne sie in seinem Werk zur Struktur und Dynamik von Gruppen beschreibt. Unsere Kongresse bieten die Chance zur Begegnung, die Chance miteinander im Hier und Jetzt zu lernen, zu denken, fühlen und  zu wollen. Was jedoch gibt es für uns Neues zu erfahren oder zu finden im Hier und Jetzt unserer Begegnung? Inwiefern ist es uns als Transaktionsanalytiker möglich, nicht nur aus der Vergangenheit, sondern aus der Zukunft zu lernen? Wie verbinden sich Emergenz und Transaktionsanalyse?

Können wir aus der Zukunft lernen?

Wir leben in einer Wissensgesellschaft. Was heißt das für uns konkret? Ich denke, es bedeutet, dass Wissen eine hohe Verfügbarkeit hat. Wir haben mehr als jemals zuvor in unserer kulturellen Entwicklung Zugang zu den Wissensbeständen der Menschheit. Zumindest insoweit dieses Wissen nicht aus besonderen Beweggründen heraus unter Verschluss gehalten wird. Das Wissen Macht bedeutet, das ist nicht neu. Wissen hat, in welcher Form auch immer, ein wirtschaftliche und eine machtpolitische Bedeutung. Vielleicht ist in unserer Gesellschaft die Dimension, die schiere Menge an Daten und Informationen neu. Neu könnte auch die Geschwindigkeit sein, in der in einer zunehmend digitalisierten Welt dieses Wissen vermarktet werden kann.

Die Welt scheint zunehmend komplexer zu werden. Technik, Ökonomie, Umwelt und auch soziale Kontexte unterliegen dieser Entwicklung. Möglich, dass es eher Ausdruck unseres Weltverständnisses ist als der Welt selbst. Was können wir tun, um diese Komplexität zu verarbeiten, uns steuern in einer Welt, deren Komplexität wir beginnen zu verstehen und in der wir wieder einmal eingestehen müssen, dass wir die grundlegenden Mechanismen trotz aller Anstrengungen nicht vollständig beherrschen können.

Gleichzeitig sehen wir in allen Berufen einen immerwährenden Wandel der Wissensbestände. Der Wert einer Information ist – zumindest statistisch gesehen – immer kurzlebiger. Technik bspw. verändert sich, damit verändern sich die Wissensbestände, die nötig sind, um diese Technik bedienen zu können. Alles zur Verfügung stehende Wissen ist zugleich ein Altbestand. Konventionelle Lernprozesse betreffen in aller Regel das Aneignen von bereits bekannten Wissensbeständen, gleich ob es sich um Konzepte, technische Daten, psychologische Modelle handelt. Immer geht es um bereits Bekanntes.

In der Beruflichen Bildung hat diese Einschätzung schon seit Jahrzehnten dazu geführt, dass es weniger um den konkreten Wissenserwerb geht als vielmehr um das Herausbilden von Kompetenzen. Die Menschen sollen dazu befähigt werden, für ihr Erwerbsleben eine langandauernde berufliche Handlungsfähigkeit zu erlangen. Das schließt die Befähigung ein, sich immer wieder neues Wissen anzueignen. Lebenslanges Lernen ist daher eine wesentliche Vision in der Berufsbildung (Knowles, 2007, S.125 ff.). Dennoch, auch hier geht es im Wesentlichen darum aus der Vergangenheit zu lernen, Wissen aufzunehmen, welches von anderen Wissenden bereitgestellt wird.

Das betrifft jeden Wissensbereich, auch die Psychologie und die Transaktionsanalyse. Wenn wir die Theorie der TA vermitteln, dann ist ein Anteil davon das curriculare Vermitteln von Lehren aus der Vergangenheit. Das ist wichtig und bedeutsam. Zugleich wünsche ich mir, dass es uns gelingt auch die revolutionäre Kraft, die einmal zu diesen Erkenntnissen geführt hat zu vermitteln.

Während Eric Berne selbst in seinen Feldversuchen im sozialen Kontext seine neuen Ideen entwickelt hat (Jorgensen, 1984), sind wir als die danach kommenden erst einmal gehalten, die Konzepte, Modelle und die so entstandenen ganze Theoriewelt zu erfassen, sie in uns aufzunehmen. Ein wesentlicher Anteil davon ist es, dass wir unseren Bezugsrahmen herausfordern lassen und uns in dieser Auseinandersetzung persönlich weiterentwickeln. Ebenfalls ein bedeutsamer Anteil unseres individuellen Lernprozesses.

Als Berufsbildner bin ich vertraut mit den Konzepten des erfahrungsbasierten Lernens. Nicht jede berufliche Herausforderung lässt sich nach Schema F oder aufgrund bereits getätigter Erfahrungen bewältigen. Auf der Basis alter und teils tradierter Erfahrungen gehen wir auch Herausforderungen an, für die wir noch keine Lösung haben. Hierin liegt die eigentliche Chance neu zu lernen. Es ist die Chance, Neues zu lernen über die Welt, über die Menschen, über uns selbst und darüber, wie wir mit und in dieser Welt besser zurecht kommen können.

Wie sehen Lernprozesse in einer Welt der stetigen und schnellen Veränderung aus?

Der Begriff Emergenz bezeichnet ein Phänomen, indem das Zusammenwirken einzelner Teile mittels eines teilweise einfachen Algorithmus hochkomplexe Erscheinungen bzw. Zustände hervorruft. Von Aristoteles ist der Satz überliefert „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“ Gemeint ist damit, dass ganz neue Eigenschaften entstehen und nicht etwa nur aufgedeckt werden. Daher kritisiert Konrad Lorenz den Begriff und bevorzugt »fulguratio« (lat. »fulgur« = Blitz). Damit soll deutlich werden, dass es sich um ein plötzliches – blitzartiges – Neuentstehen von Eigenschaften handelt. „When the beginning and the end of a one-way chain of causation establish a connection, so that the end effect influences the first cause, a feedback cycle is established; in other words, the previously linear chain is transformed into a system possessing entirely new systemic properties.” (Lorenz, 1996, Keynote) Auf hierarchische Systeme, wie bspw. Organisationen, bezogen ist Emergenz ein Merkmal, indem das Systemganze Eigenschaften aufzeigt, die in den Einzelbausteinen nicht inne wohnen.

Auch der Mensch selbst kann als Quelle von Emergenz verstanden werden, da bspw. das menschliche Bewusstsein dem Zusammenspiel von Organen entspringt, die getrennt voneinander diese Eigenschaft nicht aufweisen.

Otto Scharmer stellt plakativ die These auf, dass altes Wissen uns sogar bei den Lösungen aktueller und zukünftiger Herausforderungen im Wege stehen kann. Schon das Formulieren von Zielen stellt Vergangenheitswerte in den Mittelpunkt aller Anstrengungen, statt sich auf die Zukunft zu orientieren. Er plädiert dafür andere Wege zu gehen und sich mit den eigenen Quellen zu verbinden, von der Quelle her zu lernen.

Werdendes Sein und werdendes Wissen, wie er Emergenz konkretisiert, sind kontextuell eingebunden und werden kontextuell verkörpert. (Scharmer, 2008, S.118 f.) Sie haben dann eine Chance zur Entstehung, wenn es einer sozialen Gruppe gelingt, sich in besonderer Weise auf Beziehung einzulassen, sich ihrer Quelle des Menschseins her zu vergegenwärtigen. Diese Form der Beziehung hat er mit »Presencing« benannt, was so viel bedeutet wie gegenwärtig werden. In der Transaktionsanalyse wäre das vergleichbar mit Bewusstheit, Intimität und Spontanität im Hier und Jetzt beschrieben. Wenn wir die »vier Felder der Konversation« als Prozess betrachten, dann können wir das Feld »Presencing«  dem Sekundär angepassten Gruppenbild (Berne. 1979, S.245 ff.) zuordnen.

Bild 1: (Scharmer, 2007, S.276)

In der Konzeptwelt der TA finden wir ein Modell des emergenten Wandels in Organisationen. Dem geplanten Wandel durch die Gruppenautorität steht der emergente Wandel durch die Mitglieder gegenüber. Erst im hierarchischen Dialog von Gruppenleitung und Gruppenkanon einerseits mit den Mitgliedern der Gruppe und aus deren konkreten Arbeit entsteht die öffentliche Struktur einer Organisation. Im besten Falle, „Wenn die drei Verträge (Vision, Mission und Kooperation) angemessen und klar formuliert sind, dann wird die öffentliche Struktur optimal ausgehandelt, …“ (Laugeri, 2011, S.8 f.) entsteht eine Win / Win-Szenario für die Organisation und deren Menschen.

Bild 2: (vereinfacht nach Laugeri, 2011, S.9)

Beiden Modellen gemeinsam ist, dass sie eine Haltung zugleich bedingen und erzeugen, in der sich Menschen als Partner für Entwicklung gegenseitig wertschätzen. Emergenz als Erneuerung und Erweiterung, als  Zuwachs und Ausdehnung von Möglichkeiten einer sozialen Gruppe bzw. Organisation bedarf und fördert zugleich die Begegnung in einer realistischen OK-OK Haltung.

Transaktionsanalyse und das Lernen aus der Zukunft

Was ist für uns Transaktionsanalytiker die Quelle aus der wir Neues schöpfen? Sicherlich gibt es hier keine allgemeingültige Antwort. Für mich ist es die Begegnung mit den Menschen in dieser Welt. Es ist letztlich auch die Begegnung mit mir selbst, die sich in meinen Beziehungen manifestiert. Als Transaktionsanalytiker könnte Bernes Konzept der Physis die Quelle beschreiben, aus der wir uns speisen: „Wir werden uns von nun an die Freiheit nehmen, von der Voraussetzung auszugehen, daß die Physis eine Kraft ist, die man beim Studium des menschlichen Geistes berücksichtigen muss,…“ (Berne, 1970 S.104 f.). Damit verbunden wäre der Wunsch nach Entwicklung und Entfaltung aller innewohnenden Potentiale. Die drei Hunger sind dann als die Motive zu sehen, die uns in unserer physischen Daseinsform als psychische Ausstattung mit auf den Weg gegeben sind. Der Leib als Quelle!

Meiner Ansicht nach haben wir dafür gute Instrumente und ein geeignetes Rüstzeug zur Verfügung. Dazu gehören etwa die Fähigkeit zur Intuition, die Supervision als Setting und sozialer Raum, eine komplexe Theoriewelt, die uns im Umgang mit Komplexität schult. Dazu gehört auch die Rebellion gegen etablierte und unantastbare Wissensbestände.

Mich interessieren vor allem unsere Bemühungen soziale Systeme zu verstehen und uns in diesen produktiv zu bewegen. Die Transaktionsanalyse stellt mit ihrem Reichtum an Theorie, Modellen und Konzepten für mich dabei einen herausragenden Schatz dar, den es zu nutzen gilt.

Besonders freue ich mich immer wieder über Momente in denen die Neugier tatsächlich spürbar wird. Dann legt sie enges Kleid der Worthülse ab und zeigt sich in ihrer vollen Pracht als Dynamik der menschlichen Beziehungen im sozialen Raum. Dann kommen wir für einen kurzen Augenblick über das Denken hinaus und können staunen. Das sind auch körperlich spürbare Momente in denen sich das Eins Sein mit Leib und Seele erahnen lässt. Das sind für mich höchst ästhetische Momente des Lebens.

Leitfragen die ich mir im Zusammenhang mit Emergenz stelle:

  • Wie sieht die Zukunft der Transaktionsanalyse aus?
  • Aus welcher Quelle schöpfen wir dazu Kraft zur Erneuerung und Entwicklung?
  • Was hat die Transaktionsanalyse heute und in Zukunft der Gesellschaft / der Welt / den Menschen zu bieten?
  • Wie sieht die Zukunft unseres Denkens aus?
  • Was bedeutet Humanismus und Ethik für uns heute und in der Zukunft?

Ich finde uns alle Aufgefordert, eigene Fragen zu stellen und gemeinsam eine Zukunft zu gestalten. Mit Spannung sehe ich den Antworten entgegen, die sich uns zeigen werden.

Literaturverzeichnis

Berne, E. (1970). Sprechstunden für die Seele. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Berne, E. (1979). Struktur und Dynamik, von Organisationen und Gruppen. München: Kindler.

Jorgensen, E., Jorgensen, H. (1984). Eric Berne. Master Gamesman. A Transaktional Biography. NY: Grove Press.

Knowles, M. (2007). Lebenslanges Lernen. Andragogik und Erwachsenenbildung. München: Spektrum / Elsevier.

Laugeri, M. (2011). Emergenter Wandel und Transaktionsanalyse. Schlüssel für den hierarchischen Dialog. In der Übersetzung von Chris Altmicus. Nyon: LTCO.

Lorenz, K.: Innate Bases of Learning. In K. H. Pribram, J. King (Eds.), Learning as Self-Organisation (1996). Lawrence Erlbaum: Mahwah, New Jersey.

Scharmer, O. (2011). Theorie U – Von der Zukunft her führen. Presencing als soziale Technik. Heidelberg: Carl Auer.

Keine Kommentare

Leider sind keine Kommentare vorhanden. Schreiben Sie einen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>